Blog vom 02. April 2026

Mutterschaft - Identitätsverlust - und warum darüber kaum jemand spricht.

 

Jeden Tag werden nicht nur Kinder geboren, sondern auch neue Versionen von Müttern. Versionen die man als Mutter erst einmal neu kennlernen muss. Ich spreche bewusst von Versionen, weil man sich in so vielen Aufgaben und Situationen neu kennenlernen muss. Ich finde, dass das auch Mütter betrifft die nicht das erste Kind bekommen. Mit den neuen Versionen, verändert sich auch das Ich-sein. Und da fängt es an, der Identitätsverlust.

Man funktioniert und versucht zwischen dem Job, dem Haushalt und der Fürsorge zu den Kindern einen Spagat hin zu bekonmen. Versucht Routinen und Strukturen bei zu behalten. Man plant den Wocheneinkauf, Arzttermine und Spieleverabredungen. Man trifft Entscheidungen nur noch in Hinsicht auf das eigene Kind, die eigene Bedürfnisse kommen ganz automatisch zum Schluss und Dinge die man früher gerne und oft gemacht hat, rücken immer weiter in den Hintergrund.

 

Und zwischen den ganzen Aufgaben die man im Kopf behalten muss, dem ganzen organisieren und die

Ängste und Sorgen die das Mutter sein mit sich bringt, vergisst man eins - sich als eigene Person.

 

Ich bin früher wöchentlich zum Gesangsunterricht gegangen - heutzutage mit Zwillingen und weiterem Nachwuchs war ich in einem halben Jahr viermal dort. Und ich liebe das Singen - es erdet mich und es sorgt dafür das man sich selber wieder so gut fühlen kann. Es geht aber nicht, weil einfach so viel davor kommt, was manchmal wichtiger ist. Ja - wichtiger als ich und meine Bedürfnisse. Es gab auch schon so oft Momente in denen ich absagen musste. Die letzten drei Termine musste ich immer wieder verschieben, entweder weil etwas mit der Schwangerschaft ist - die mir Symptome einbringt die mich einschränken, oder weil einer meiner Zwillinge etwas hatte. Es fängt also auch schon in der Schwangerschaft an. Man ist nicht mehr nur für seinen eignen Körper zuständig, sondern muss auch auf ein ungeborenes Leben acht geben.

Ich bin ehrlich, auch ich habe Abends manchmal keine Kraft mehr um mir zu überlegen wie ich mich selber am besten regulieren kann oder was mir gut tut. ich weiß nicht welche neuen Hobbys ich anfangen soll, wann ich meine alten Hobbys nachgehen soll oder an was ich als nächstes an mir arbeiten soll. Manchmal lege ich mich in mein Bett, nachdem die Kinder eingeschlafen sind, und schlafe selber ein. Nicht weil ich das unbedingt möchte, sondern weil das Mutter sein manchmal so erschöpfend ist, dass ich für alles andere keine Kraft mehr habe. Und auch in solchen Momenten wächst der Identitätsverlust unbewusst. Das passiert auch nicht weil man als Mensch unwichtig ist, sondern weil alles andere so viel lauter ist.

 

Es sind diese kleinen Situationen, die das Thema Identitätsverlust greifbar machen. Ich merke das stark wenn mich jemand fragt was ich mache. Meine erste Antwort ist immer: “Ich bin Mutter von Zwillingen.” Und genau das ist der Punkt, man ist eben nicht nur Mutter, man ist ein eigenständiger Mensch. Man ist auch immer noch Ehefrau, Freundin und manchmal eben auch für sich alleine.

Niemand spricht das laut aus. Warum? Schuldgefühle! Es fühlt sich falsch an! Oft existiert nur das Bild der “erfüllten Mutter”. Und ja - es gibt durchaus Mütter die vom Muttersein erfüllt sind. Es gibt aber auch ebenso Frauen, die sich verlieren, während dieser Zeit.

Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass ich all das nicht habe. Wenn ich zum Gesangsunterricht fahre, habe ich ein schlechtes Gewissen, meinem Mann gegenüber und meinen Kindern gegenüber. Meinem Mann gegenüber, weil er dann die Einschlafbegleitung alleine machen muss und weil ich weiß, dass das manchmal so furchtbar Anstregend ist. Meinen Kindern gegenüber, weil ich weiß das sie mich emotional an manchen Tagen mehr brauchen als an anderen Tagen.

Auch ich habe lange nicht darüber gesprochen. Weil das einfach nicht dem Bild der Gesellschaft entspricht. Man hat Kinder - man hat sich das so ausgesucht - man muss funktionieren. Gefolgt von “Sei froh das du Kinder hast, andere können keine bekommen.”

Man wird seltsam angeguckt und bekommt Antworten die einem das Gefühl geben nicht gut genug zu sein, wenn man eben nicht nur Mutter ist. Abwertende Bemerkungen, bewertende Kommentare und “Gut gemeinte” Tipps, nur weil man sich etwas von der Seele reden möchte.

 

Und zwischen all dem ganzen ist es noch so viel wichtiger nicht “die Alte” wiederzufinden, sondern sich neu kennenzulernen. Nicht von jetzt auf gleich, sondern Stück für Stück. Abseits der Aufgaben, Gedanken und dem Gesellschaftlichen Druck. Ohne Schuldgefühle, ohne schlechtes Gewissen.

Ich glaube nicht, dass man sich selbst ganz verloren hat. Ich glaube, dass irgendwo zwischen dem, was einmal war und dem was gerade werden darf, das “Ich” steckt. Und genau das darf für den Moment auch manchmal ausreichen.

Du darfst wachsen, und du darfst auch mal für dich sein. 

 

- Deine Jenny ✨